apa

hawksbury
dancing in the dark
replace
jugendgericht
sometimes you stay out
wien süd ost



cv
contact

 

JUGENDGERICHT

„Feldforschung ist Erinnerungsarbeit. Sie ist akribische Aufnahme eines Ortes in seiner Faktizität, aber auch in seiner atmosphärischen Verfasstheit. Und diese Bestandsaufnahme hat in Wirklichkeit schon mit dem Ausräumen der Räume begonnen, dem Abtransport der Möbel, dem Verfrachten der Menschen, die darin zeitweise ihr Dasein gefristet haben. Übrig bleibt, was die Insassen in die Wände geritzt oder auf sie geschrieben haben, Spuren eines kollektiven Ge­dächtnisses, das sich sage und schreibe in die Wände eingeschrieben hat. Die Wände: ein Tagebuch, eine Klagemauer, ein Boxsack ...

Das Ergebnis dieser topologischen Feldforschung sind registrierende, festhal­tende, nach Spuren und Aussagen suchende Ausschnitte, Fotos von Eva Wür­dinger, die allein schon durch ihr Format (6x6) nicht mit Formalem ablenken, sondern die Tristesse der Leere eines verlassenen Ortes und eines verwirkten Rechts auf Freiheit in zurückhaltender Schonungslosigkeit und Klarheit darstel­len wollen. Die Leere verweist auf die Leere: sie will nicht füllen oder uns von Geschichten erzählen, die hier vielleicht einmal stattgefunden haben – Fantasien der Lust, Gewalt, Melancholie, Trauer und Wut –, sondern sie verweist, auch wenn sie Bedeutung, d. h. Schrift festhält, auf Abwesenheit.“ (Sabine Folie, Eingelagerte Leben – Theatralisierte Utopien  in: Eva Schlegel, Eva Würdinger, Jugendgericht, 2006, Schlebrügge, S. 41).

Das Jugendgefängnis und Jugendgericht in Wien-Erdberg, die „Rüdenburg“ wurde 2003 aufgelassen und  die jugendlichen Häftlinge in die Justizanstalt Wien-Josefstadt übersiedelt. Das Gebäude stand drei Jahre leer bevor Eva Würdinger die Räumlichkeiten und hinterlassenen Inschriften dokumentierte. Spürbar bleiben die Machtstrukturen in den ehemaligen Räumen der Überwachung und die Instrumentalisierung des Menschen durch  Architekturen der Macht.  „Die Durchsetzung der Disziplin erfordert die Einrichtung des zwingenden Blickes: eine Anlage, in der Techniken des Sehens Machteffekte herbeiführen und in der umgekehrt die Zwangsmittel die Gezwungenen deutlich sichtbar machen,“ beschreibt Foucault in Überwachen und Strafen den hierarchischen Blick als Disziplinarmacht und die Sichtbarkeit als Falle.

 

“The topological field study of the Vienna Juvenile Court and juvenile detention centre, consists of details that seek out and record traces and statements, photos by Eva Würdinger whose very size (6x6) bespeaks their wish not to allow formal issues to distract attention, but to portray with restrained ruthlessness and clarity the sadness of a deserted, empty space and a forfeited right to freedom. The emptiness: it does not try to fill in or tell us about stories that might have happened here in past – fantasies of desire, violence, melancholy, grief and anger: instead, even when it records meaning (i.e. writing) it points to absence.” (Sabine Folie in: Eva Schlegel, Eva Würdinger, Jugendgericht, 2006, p. 41).

Still remaining are the structures of power in the former rooms of control. In Discipline and Punish, Foucault describes the hierarchical observation as controlling system of power and visibility as trap: “The exercise of discipline presupposes a mechanism that coerces by means of observation; an apparatus in which the techniques that make it possible to see induce effects of power, and in which, conversely, the means of coercion make those on whom they applied clearly visible.” (p.189). The series of photographs shows the exploitation of human beings by architectures of power.

 
     


 
      Prev | Next